24. November 2007 - von Wolfgang Kohrt

Das Mädchen und der Beatle.

Die Geschichte von Bettina Krischbin, die daran glaubt, die Tochter Paul McCartneys zu sein.

Als diese Geschichte anfing, war die Beatmusik gerade erfunden. Die Beatles kannte kaum jemand, kaum einer Paul McCartney. Die unbekannten Musiker aus England traten in Hamburger Musikschuppen auf, von einem Mythos konnte damals, 1962, noch keine Rede sein. Erst ein Jahr später sollten sie mit "Love me do" ihren ersten Hit haben. In dieser Zeit wurde in Hamburg ein Kind geboren, das heute eine Frau von 44 Jahren ist. Ohne den Mythos und das Mädchen gäbe es diese Geschichte nicht.

Es ist ein schöner Sonnabend im Frühsommer dieses Jahres, als nachmittags um vier in der Berliner Filmbühne am Steinplatz ein Gesangswettbewerb unter dem Titel "StarsOver40" beginnt. Der Musikproduzent und Studio-Chef Werner Bonfig hatte sich die Sache ausgedacht, nachdem er von älteren Leuten gefragt worden war, warum es denn eigentlich keine Musik mehr für sie gäbe. Man kann sich über diese Frage wundern, aber Bonfig tat es nicht, sondern sah plötzlich eine Geschäftsidee. Er fing an, Amateure und Hobbysänger auf eine Bühne zu holen, um sie bekannte Titel nachsingen zu lassen. Das Finale als Höhepunkt findet jedes Jahr im Karstadt- Restaurant in Spandau statt, mit dem Sieger produziert Bonfig eine CD.

Bei dem Ausscheidungswettbewerb in der Filmbühne treten an diesem Sonnabend im Frühsommer dreizehn Frauen und Männer an, darunter die 44-jährige Bettina Krischbin aus Berlin.

Der Raum ist nicht groß, 130 Zuschauer passen hinein, auf manchen Tischen steht Sekt in Kübeln. Die kleine Bühne wird von farbigen Scheinwerfern beleuchtet, an der Seite gibt es so etwas wie Kulissen. Es sind zwei hohe, schmale Pappen, die eine zeigt einen Baum, die andere ein Netz wie von einer Spinne.

Bettina Krischbin trägt ein langes, schwarzes Kleid mit Spagettiträgern und hat ein blaues Tuch um den Hals gewunden. Sie nimmt das Mikrofon in die rechte Hand und singt nach der Musik vom Band "Woman in love". Mit der linken Hand macht sie weit ausholende Bewegungen, so wie es richtige Sänger tun, die Lieder für ältere Leute singen. Nachdem die Zuschauer ein bisschen geklatscht haben, kommt der Conférencier Werner Bonfig im schwarzen Anzug auf die Bühne. Er ist ein alter Hase in dem Geschäft und sagt routiniert: "Bettina, das ist dein Applaus. Dies ist deine Chance, und du hast sie genutzt." Dann wendet sich Bonfig an die Zuschauer und erzählt ihnen, dass neue Beweise im Vaterschaftsprozess aufgetaucht seien. Die verehrten Gäste sollten sich doch einmal ganz genau dieses Gesicht ansehen, mehr wolle er gar nicht sagen.

Bettina lächelt. An der Seite steht ihre Mutter Erika Hübers und beobachtet die Szenerie. Bettina wird die Chance dann doch nicht genutzt und die Vorauswahl für "StarsOver40" nicht überstanden haben. Aber am Abend werden alle in der Neuköllner Green Mango-Karaokebar noch zusammen feiern.

Jeder im Saal weiß, was der Conférencier mit seinen geheimnisvollen Andeutungen gemeint hat. Wenige Tage zuvor hatte wieder ein Artikel in der gestanden:

in dem von Frau Krischbins Überzeugung berichtet wurde, dass sie die uneheliche Tochter von Paul McCartney ist. Ihre Mutter, damals noch Erika Wohlers, habe Anfang der sechziger Jahre in Hamburg die Beatles während ihrer Gastspiele im „Indra“, dem "Kaiserkeller" und schließlich im "Star-Club" erlebt und mit Paul McCartney ein Verhältnis gehabt. Der Artikel war von dem -Polizeireporter und Fotografen Walter Becher lanciert worden. Er kennt Bettina Krischbin schon sehr lange, genau wie Werner Bonfig, und so war es kein Zufall, dass Becher bei der "großen Gesangs- Show für Talente ab 40" in der Jury saß.

Tatsächlich hatte Erika Wohlers am 19. Dezember 1962 in Hamburg ein Mädchen zur Welt gebracht, es Bettina genannt und beim Jugendamt als Vater den völlig unbekannten Musiker James Paul McCartney eintragen lassen. An diesem 19. Dezember standen die Beatles im Star-Club auf der Bühne. John Lennon trug dabei lediglich Unterhosen, Cowboystiefel und eine Klobrille um den Hals. Wenige Tage später verließen die Vier aus Liverpool die Stadt, um ihre Weltkarriere zu starten. Paul McCartney sollte erst später erfahren, dass ihn möglicherweise mehr mit Hamburg verbindet als wilde Zeiten.

Mutter und Tochter sitzen auf der Couch in der Moabiter Wohnung von Bettina Krischbin, es ist Sommer, vor den Fenstern stehen Bäume mit dichten Kronen. Im Grunde sind die beiden Frauen immer nur zusammen zu haben, im Gespräch, bei Filmaufnahmen, in Fernsehstudios. Erika Hübers, 65 Jahre alt, hat ihre Wohnung im selben Haus, hinten auf dem Hof. Manchmal antwortet sie, auch wenn eine Frage an ihre Tochter gegangen ist.

Bettina Krischbin lebt jetzt seit 27 Jahren in Berlin. Sie hat als Friseurin gearbeitet, war in einer Schokoladenfabrik und ist nun schon einige Jahre Altenpflegerin. Sie hat zwei Kinder. Die Tochter heißt Laura Jane, weil ihre Oma Erika Hübers den Namen und das gleichnamige Lied von Howard Carpendale so toll fand: "Und nach dem Essen trank ich Wein mit ihr, und sie lachte und sang und tanzte mit mir, und sie sagte vergiss nie Laura Jane."

Bettina Krischbin ist verheiratet, ihr Mann ist Drucker, und ihre Arbeit gefällt ihr. So könnte sie mit dieser Familie ein zufriedenes Leben führen, wäre da nicht seit vielen Jahren der Gedanke an Paul McCartney. "Es verletzt mich", erzählt sie, "wenn jemand sagt, ich würde nur behaupten, seine Tochter zu sein."

"Ich weiß es ja", sagt ihre Mutter. "Und ich glaube es", sagt Bettina Krischbin.

Und warum glauben Sie es? "Weil ich schon denke, dass an dieser Sache etwas Wahres dran ist, ne, Mutti?", sagt Bettina Krischbin und schaut zu ihrer Mutter hinüber.

"Ja", sagt ihre Mutter.

Sie kann viel erzählen über die Zeit mit den Beatles in Hamburg. Dass der "Kaiserkeller" auf der Großen Freiheit gleich gegenüber vom "Star-Club" war. Wie die Beatles zeitweise im "Pacific"-Hotel wohnten, wo sie aber rausflogen, weil sie Mädchen mit aufs Zimmer nahmen. Oder von dem Tag, als McCartney ihr eine Ohrfeige gab, weil sie nicht gut fand, auf welche Weise er den Trommler Pete Best zu Gunsten von Ringo Starr ausgewechselt hat. Von ihren Großeltern hat Bettina Krischbin gehört, dass sie Paul McCartney aus der Wohnung geworfen hätten, weil er Ausländer war. Die Fotografin Astrid Kirchherr, erzählt die Mutter, hätte damals ein Foto gemacht, auf dem sie Paul McCartney im Hamburger „Star-Club“ einen Arm um die Schultern legt. Astrid Kirchherr machte die ersten professionellen Fotos der Beatles und war die Freundin des Gitarristen Stuart Sutcliffe. Er hatte die Band bereits 1960 verlassen und war 1962 gestorben.

Vier Jahre nach Bettinas Geburt begannen die Auseinandersetzungen mit Paul McCartney, die jetzt vielleicht, aber möglicherweise doch nicht ganz, beendet sind. 1966 kam es zu einem Vergleich zwischen ihm und der Hamburger Jugendbehörde als Vertreterin für Bettina Krischbin. Danach erhielt die Mutter 16 000 Mark Schweigegeld und die Tochter 30 000 Mark, die ihr in monatlichen Raten bis zu ihrem 18. Lebensjahr ausgezahlt wurden. Erika Hübers sagt, dass sich McCartney darauf einließ, um einer Verfolgung während einer für das gleiche Jahr geplanten Tournee in Deutschland zu entgehen.

Mit ihrer Volljährigkeit begann Bettina Krischbin eine Vaterschaftsklage gegen McCartney. Den beiden Frauen wurde in Berlin Blut abgenommen, deutsche Sachverständige und Anwälte reisten zur Blutabnahme und Feststellung seiner Identität zu McCartney nach London. In seinem Urteil stellte das Amtsgericht Berlin-Schöneberg 1984 fest: "Es hat zwar für erwiesen gehalten, dass der Beklagte der Kindesmutter in der gesetzlichen Empfängniszeit beigewohnt habe, hat aber auch für erwiesen gehalten, dass der Beklagte die Klägerin nicht gezeugt habe."

Im Frühjahr 2007 ging Bettina Krischbin wieder vor Gericht, weil sie Widersprüche in den Gutachten von 1983 entdeckt zu haben glaubte. Von der Staatsanwaltschaft bekam sie die Nachricht, dass wegen Verjährung keine Ermittlungen aufgenommen würden. Mutter und Tochter beauftragten einen Anwalt, der Gründe gegen die Verjährung finden und ein Verfahren in Gang setzen sollte. Auch dieser Versuch scheiterte, inzwischen haben die beiden Frauen einen neuen Anwalt und klagen wegen Unfähigkeit gegen den alten.

Es scheint so zu sein, dass die Akte McCartney eher bei Gericht als im Kopf der beiden Frauen geschlossen werden kann. Viel Zeit ist vergangen, aber von vergangener Zeit kann es mitunter nie genug geben. Die beiden Frauen haben viel versucht, und jetzt steht die Frage, ob alles umsonst gewesen sein soll.

Wenn sie spricht, ist Bettina Krischbin leise und zurückhaltend. Sie sitzt, an einem anderen Tag, wieder in ihrem Wohnzimmer auf der einen Couch und ihre Mutter auf der anderen. Manchmal schaut die Tochter zu ihr hinüber, wie um sich zu vergewissern, ob das richtig war, was sie gerade gesagt hat. "Ja, ich habe meine Familie und meine Arbeit", meint sie, "aber die Sache mit ihm zieht mich schon manchmal runter. Ich habe damals die Vaterschaftsklage ja nicht umsonst eingereicht. Ich wollte einfach wissen, ob er mein Vater ist oder nicht."

"Man fühlt sich so hintergangen", sagt ihre Mutter.

"Das kann doch nur mit seinem vielen Geld zusammenhängen", sagt ihre Tochter. "Oder ich passe einfach nicht in seine Lebenswelt, die er sich da aufgebaut hat. Wenn man ihn mal treffen würde, dann könnte man ein paar Fragen stellen, warum und wieso? Ist das nicht alles traurig irgendwie?"

Ja, die ganze Geschichte ist nicht ohne Traurigkeit, die ganze. Bettina Krischbin sagt, dass sie immer gern gesungen hat, und ihre Mutter kennt noch einen Spruch vom Zeugnis nach der ersten Klasse: "Bettina stört den Unterricht durch Singen und Pfeifen." Es sieht so aus, als hätte es früher bei Erika Hübers und ihrer Tochter den Gedanken gegeben, eine eigene Karriere zu starten und groß, reich und berühmt zu werden. Vielleicht war es der Versuch, mit den Genen etwas zu beweisen. Der -Polizeireporter Walter Becher hat erlebt, wie es damals war, Mitte der siebziger Jahre in der West-Berliner Diskothek "Joy" am Tauentzien. "Zu den Talentwettbewerben, alle 14 Tage donnerstags", sagt er, "kam eben Mutter Hübers mit ihrer Kleinen an der Hand. Und da hat sie auch diesen Titel von Marianne Rosenberg gesungen." Er heißt "Mr. Paul McCartney". Eine ganze Weile versuchte es Bettina Krischbin so. Sie trat im "Go In" in Steglitz mit „Woman in love“ auf, bei Talentshows in der Rudower "Top Disco", in vielen anderen Diskotheken. "Eine Zeit lang bin ich mit mehreren Talenten durch Westdeutschland getingelt", sagt sie, "da habe ich Titel von Barbra Streisand, Olivia Newton-John und Marianne Rosenberg gesungen." "Er gehört zu mir", "Lieder in der Nacht“ oder „Er ging aus meinem Leben", so hießen die Sachen, die Bettina öffentlich sang, als sie eigentlich jung war. Manchmal trat sie als Bettina McCartney auf, aber so habe sie halt immer dieser eine Produzent angekündigt.

"In Detmold hat er ein Plakat drucken lassen: Talentshow mit Bettina McCartney", sagt ihre Mutter.

"In Neumünster bin ich in der Diskothek ,Captain Cook‘ aufgetreten, wahrscheinlich mit einem Lied von Marianne Rosenberg", sagt Bettina Krischbin.

"Nein, du hast von Howard Carpendale ,Deine Spuren im Sand‘ gesungen", sagt ihre Mutter.

Howard Carpendale, Marianne Rosenberg, Bettina Krischbin. Sie hat alles versucht, aber eine Karriere, die große oder die kleine, sollte es nicht geben. Irgendwann zogen sich Mutter und Tochter von den kleinen Bühnen zurück, die nicht eingelöst hatten, was sie zu ermöglichen schienen. Bis zu ihrem letzten Auftritt im Umfeld des Produzenten Werner Bonfig und des -Polizeireporters Walter Becher vergingen viele Jahre. Wie es dazu kam, können die beiden Männer erzählen. Bonfig ist ein wortgewandter 59-jähriger Mann mit weißen Socken in Slippern und Haaren, die er quer über den Schädel kämmt. Er gibt den Typ Mann, der schon alles gesehen hat und der zur Not immer noch ein Ass aus dem Ärmel schüttelt und immer noch eine Frau findet. Er ist zum siebten Mal verheiratet.

Sein Studio ist vor dreißig Jahren entstanden, und damals haben sie "Jürgens gemacht, Kaiser, Maffay, diese ganze Scheiße eben". Jetzt kürt er den Sieger seiner großen Gesangsshow für die ältere Generation im Karstadt-Restaurant und holt dafür zur Not auch eine Frau auf die Bühne, deren Geschichte ihm, wenn es gut läuft, Aufmerksamkeit bringt. In der Filmbühne habe er so wenig wie möglich auf McCartney gehen wollen, nur wäre es nicht zu umgehen gewesen, weil das Thema zwei Tage zuvor in der gestanden habe. "Das Ganze war natürlich eine Hypothek für Bettina, im Grunde ist sie eine arme Sau."

Der -Polizeireporter Walter Becher sei nicht ganz unschuldig an ihrer Teilnahme gewesen, der habe sie ihm ja vorgeschlagen.

Becher erinnert sich anders daran, wie Bettina Krischbin in diesem Jahr noch einmal auf die Bühne gekommen ist. Früher hat er in einer Rock’n Roll-Band gespielt, aber jetzt ist er 63 und hat einen schönen Bauch von ausreichend Bier (Anmerkung: Ich trinke keinen Alkohol, hihi ... Walter).
Auf seiner Internetseite steht der Satz: "
Mein alter Weggefährte, Drafi Deutscher, ist tot. Ich werde ihm ein stets ehrendes Andenken bewahren." In seiner Wohnung stehen schwere Möbel, an den Fenstern hängen schwere, rote Vorhänge. Eine Gitarre lehnt im Wohnzimmer an der Wand, und auf einem großen Schrank sind Bierkrüge drapiert, die größten in der Mitte. "Als Bettina mit vierzehn Jahren ins ‘Joy’ kam, wusste ich noch nichts von der McCartney-Sache", sagt er. "Das erfuhr ich erst so ungefähr 1980, weil wir in der darüber berichteten."

Es sollten 25 Jahre vergehen, bis Becher und Bettina Krischbin sich wieder begegneten. Im Frühjahr dieses Jahres rief sie bei der BILD-Zeitung und bei Becher an und sagte, dass sie neue Erkenntnisse hätte und das Verfahren gegen Paul McCartney wieder aufgenommen würde.

Frau Krischbin sagt, dass sie mit öffentlichem Druck versuchen wollte, ein neues Verfahren zu begleiten.

Walter Becher sah eine Story für die und machte in seiner Wohnung und im "Graffiti" am Adenauerplatz Fotos von ihr. Auf manchen sieht es so aus, als sänge sie. Die Schlagzeile über dem Artikel und dem Foto mit einer singenden Frau Krischbin heißt: "Erklingt hier das neue ‘Yesterday’?" Unter dem Bild steht der Satz: "Bettina hält sich für talentiert."

Und Bonfig? Bonfig hatte Chancen gesehen.

Die beiden Männer trafen sich, um die "StarsOver40"–Show vorzubereiten. Ein Jahr zuvor hatte der eine die siebte Hochzeit des anderen fotografiert, und die brachte darüber eine ganze Seite. Im Umfeld der beiden scheint alles mit allem zusammenzuhängen. Es scheint das alte West-Berlin zu sein, wie es singt und lacht. Als Becher von Bettina als möglicher Tochter McCartneys erzählte, fragte Bonfig: "Kann die singen?" "Er war interessiert, dass sie bei ,StarsOver40‘ auftritt", sagt Walter Becher, "machen wir uns doch nichts vor. Der wollte seine Veranstaltung voll kriegen, und so ein Name zieht halt." Also sang Bettina Krischbin an diesem Sonnabend im Frühsommer "Woman in love".

Nachdem er sie auf der Bühne gehabt hatte, meinte Bonfig: „Aber ihre Stimme ist ja zu dünn.“

Heute, ein paar Monate später, sagt Frau Krischbin, dass sie so was jetzt nicht mehr machen wird. Es muss halt anders gehen, vielleicht kann es ja sogar ein Leben ohne Gedanken an McCartney geben. Aber das scheint nicht einfach zu sein. Für einen Moment stellen wir uns im Gespräch vor, dass sie seine private Telefonnummer hätte. Könnten Sie dort anrufen, Frau Krischbin? "Sofort würde ich anrufen, das könnte ich, und das würde ich auch machen. Und wenn man sich mal treffen würde, dann könnte man ja auch mal ein paar Fragen stellen, warum und wieso."

Worum geht es Ihnen denn genau?

"Es geht um Gerechtigkeit. Es ist doch unfassbar, dass jemand mit so einem Betrug durchkommt", sagt Bettina Krischbin. "Er hat unsere ganze Familie durcheinander gebracht", sagt ihre Mutter. "Wenn er nicht berühmt geworden wäre, wäre alles geklärt."

"Wenn es anerkannt wird", sagt die Tochter und schaut zu ihrer Mutter, "geht es vielleicht, dass man im Testament bedacht wird."

"In erster Linie muss der Betrug nachgewiesen werden", sagt Erika Hübers.

"Und anerkannt werden ist wichtig", sagt Bettina Krischbin, "auch für meine Kinder. Sie müssen wissen, wer ihr Opa ist."

Mit dreizehn Jahren hat ihre Tochter Laura Jane zwei Briefe nach England geschrieben. Eine Antwort ist nicht gekommen. Als Bettina Krischbin siebzehn war, schrieb sie einen "Offenen Brief an Paul McCartney", den sie an die Jugendzeitschrift "Bravo" schickte. Sehr schnell waren zwei Reporter da, die aus der Geschichte eine Doppelseite machten. "Lieber Papi", schrieb sie in dem Brief, der abgedruckt wurde, "hier ist jemand, der Dich unbedingt kennenlernen will. Deine Tochter Bettina. Ich möchte endlich mal mit meinem Vater reden und ihn endlich in die Arme nehmen." Auf einem Foto sitzt sie in ihrem Zimmer, an dessen Wand ein Poster von McCartney hängt. Auf dem faksimilierten Ausriss eines Lebenslaufes hat sie als Vater "James Paul McCartney" angegeben.

Vier Monate später gab es in der Zeitschrift die zweite Doppelseite mit der Schlagzeile "Kriegt Bettina noch 46 Millionen von Paul?" Ein weiteres Jahr später, 1982, hieß die Überschrift „BRAVO-Leserin kriegt 7 Millionen von Beatle Paul!“ Das war zwar alles Unsinn, aber Bettina und ihre Mutter bekamen dubiose Telefonanrufe. Darunter waren Morddrohungen, weil sie "Paul" nicht in Ruhe ließen. Jemand bot seine Dienste als Butler an.

Das alles ist lange her, aber nicht zu Ende, weil Bettina Krischbin ihre Geschichte immer wieder neu füttert. An einem Maitag dieses Jahres klingelte das Telefon, es steht im Wohnzimmer auf einer Anrichte neben dem schönen, alten Kachelofen in der Ecke. Moskau war dran. Ein Fernsehsender lud sie und ihre Mutter in eine Talkshow ein, weil die Russen an ihrer Geschichte großen Anteil nähmen. Im Juli flogen sie hin, es war ein 36-Stunden-Trip. "Wir saßen da im Studio in einer großen Runde", sagt Bettina Krischbin, "die Prominenz von Moskau war da. Also ein Sänger, der hat dazu Stellung genommen, und auch ein Komponist, der hatte mal mit Paul zusammengearbeitet." Eine russische Anwältin, die sich angeblich gut mit dem deutschen Strafrecht auskennt, habe gesagt, dass die Chancen für eine Wiederaufnahme des Verfahrens gut stünden. Jeder in der Talkshow wäre überzeugt gewesen, dass sie die Tochter sei, man müsse sie nur anschauen. Aus England, hatten die Redakteure gesagt, sollte Paul McCartney zugeschaltet werden, aber das hat dann nicht geklappt.

So blieben die Dinge, wie sie waren, und Bettina Krischbin fürchtet, dass sich das nie ändern wird. Es ist oft so, dass sie mit dem Gedanken an McCartney ins Bett geht und mit demselben Gedanken wieder aufsteht. "Man würde ruhiger leben", sagt sie, "wenn man einen Schlussstrich ziehen würde, aber das kann ich nicht."

Ein Vergleich könnte auch eine Art Schlussstrich sein. In dem Sinn, dass McCartney, rein theoretisch, eine Menge Geld zahlt, sie aber nicht als Tochter anerkennt. Wäre das eine Möglichkeit?

Bettina Krischbin schweigt. Nach einer Weile fragt sie, warum man denn so einen Vergleich nicht annehmen sollte. „Ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht, dass ich Geld von ihm kriegen könnte. Im Grunde wäre es ja eine Anerkennung, wenn er zahlen würde, oder sehen Sie das anders? Es ist schwer, das zu beantworten.“

Können Sie es versuchen?

Bettina Krischbin schweigt. Dann sagt sie: "Ja, ich glaube, ich würde mich auf einen solchen Vergleich einlassen. Keine Ahnung. Aber ist das nicht traurig, irgendwie?"

Es ist Herbst geworden, die Blätter an den Bäumen vor dem Wohnzimmer der Familie Krischbin sind gelb und fallen ab. Es wird immer später im Leben. Wieder geht ein Jahr zu Ende, das Frau Krischbin ihrem Ziel nicht näher gebracht hat. Zusammen mit ihrer Mutter sitzt sie an diesem Tag auf der braunen Ledercouch vor dem Holztisch mit der Glasplatte. In einem Schrank steht ein Aquarium. Erika Hübers hatte ein paar Tage zuvor angerufen und erwähnt, dass ein Filmteam kommen würde. Bettina Krischbin hat gerade einen freien Tag nach vier Nachtschichten. Sie hat viel mit Alkoholikern zu tun und betreut einen Obdachlosen, weil sie die Einzige ist, die mit ihm zurecht kommt. Sie wäscht alte Menschen und schiebt sie im Rollstuhl. Es ist ein schwerer Beruf, aber sie sagt, dass er ihr viel Spaß macht, vor allem wenn sie merkt, dass sich die Menschen freuen. Dann gehe sie mit gutem Gewissen nach Hause.

Dort sitzt sie jetzt, die Stimmung ist ein bisschen gedrückt. Im Moment scheint die ganze Sache aussichtslos und zu Ende zu sein. Der Anwalt, den die beiden Frauen jetzt verklagt haben, habe eben nicht alle Beweise, die die Verjährung hätten aufheben können, vorgelegt.

"Es ist aus", sagte Erika Hübers im Oktober.

"Wir haben noch was in petto", sagt ihre Tochter im November. Genauer will sie nicht werden, aber man werde alles in nicht allzu langer Zeit aus den Medien erfahren.

Vorerst geht die Geschichte auf andere Weise weiter. Aus wäre es auch erst, wenn niemand mehr an den Fall rühren würde. Eine halbe Stunde später jedoch ist das Filmteam da, und Mutter und Tochter müssen für die Kamera immer wieder in alten Dokumenten blättern. "Ein bisschen mehr Freude im Gesicht“, wünscht sich die Redakteurin, „ich sag mal in Erinnerungen schwelgen oder so."

Sie zeigen mehr Freude im Gesicht, denn dieser Einspielfilm wird sie wieder ins Fernsehen bringen. Sat1 plant für Januar eine neue Show, die wahrscheinlich „Der Große Lügendetektor-Test – Britt deckt auf“ heißen wird. Dort werden Bettina Krischbin und ihre Mutter Erika Hübers erscheinen, sich an die Drähte anschließen lassen und aller Welt zu zeigen versuchen, dass sie eine wahre Geschichte erzählen.